Ballast abwerfen! Was bleibt im Rucksack?


Ein persönlicher Rückblick auf meine Auszeit 

Wenn du zu einer langen, intensiven Wanderung aufbrichst, packst du deinen Rucksack voller Vorfreude. Man nimmt alles mit, von dem man glaubt, es unbedingt zu brauchen. 

Also ich Anfang April meine Auszeit als Arbeitnehmer begann, war mein Rucksack bereits randvoll. Doch es war kein Rucksack aus Stoff und Riemen, es war mein innerer Rucksack. 

Über viele Jahre hatte ich ihn Schicht für Schicht gefüllt. Mit den Erwartungen anderer. Mit dem permanenten Druck, als Leitungskraft für jedes Problem im Sturm die passende Lösung parat haben zu müssen. Mit dem Takt, den ich mir selbst über all die Jahre auferlegt hatte, immer einen Schritt schneller als nötig. 

In den ersten Wochen meiner Auszeit spürte ich diese Last kaum. Mein Autopilot funktionierte wie immer. Ich hielt das Steuerrad meines Lebens weiter fest umklammert, zusätzlich zum Rucksack, den ich ohnehin schon trug, so wie ich es als Leitungskraft über viele Jahre gelernt hatte. 

Erst in der radikalen Stille der Natur kam der Wendepunkt, allein auf einer Holzbank vor einem tosenden Wasserfall.

Während das Wasser unaufhörlich in die Tiefe stürzte, wurde mir schlagartig klar, wie weit ich mich von mir selbst entfernt hatte. Ich trug einen tonnenschweren Ballast mit mir herum, der gar nicht zu mir gehörte. 

Die Erkenntnis war so klar wie das Gebirgswasser vor mir. 

Wir können keine neue Wege gehen, wenn wir sie mit der Last der Vergangenheit beschreiten. 

Zum ersten Mal spürte ich das nicht nur als Gedanken, sondern körperlich: die schweren Schultern, der Atem, der kaum bis in den Bauch reichte, die Erschöpfung, die blieb, obwohl das Hamsterrad längst zum Stillstand gekommen war. 

Für mich ist klar: Es ist Zeit, ihn auszupacken und konsequent auszusortieren. Was darf am Wegesrand bleibe? Und was soll mich auf meinen weiteren Weg begleiten?




Was ich zurücklasse

  • Der Reiz- Reaktionsmechanismus: Ich lege den Zwang ab, auf jeden Impuls von außen sofort reagieren zu müssen. Dieses ständige Getriebensein lasse ich zurück.
  • Die Illusion der totalen Kontrolle: Das krampfhafte Festhalten am Steuerrad hat ausgedient. Ich habe endlich begriffen: Stürme lassen sich nicht kontrollieren. Aber ich kann lernen, sie aufmerksam und flexibel zu durchschiffen, das Steuerrad locker in der Hand statt verkrampft umklammert. 
  • Der Beweisdruck: Das war vermutlich das schwerste Stück Ballast. Der Rucksack wird erstaunlich leichter, wenn man den Satz einmal ausspricht: "Ich muss niemanden mehr etwas beweisen."


Was im Rucksack bleibt

  • Mein starkes Fundament: Mehr als 30 Jahre Berufserfahrung im sozialen Bereich. Krisen und Traumata, die ich überwunden habe. Meine tief verwurzelte Expertise in Coaching und Resilienz gibt mir die Erdung für alles, was kommt.
  • Die Erlaubnis zum Innehalten: Die Erinnerung an diesen Moment auf der Bank am Wasserfall. Einfach sitzen. Atmen. Mich selbst wieder spüren.
  • Mein neues Leitmotiv: Das Versprechen, das ich von meiner Auszeit mitnehme ist ein Sherpa-Gruß aus dem Himalaya mit tibetischen Wurzeln: Kalipè Immer ruhigen Fußes (siehe hierzu auch den Blogartikel #004). Träger und Bergsteiger rufen sich das zu, wenn der Weg steil wird und die Luft dünn wird. Nicht schneller, nicht höher, sondern ruhig. Schritt für Schritt. Genau das habe ich am Wasserfall verstanden. Und das unerschütterliche Wissen: Ich bin gut genug! Und du bist es auch! 


Weniger Ballast, mehr Weg

Wenn wir unserem Leben eine neue Richtung geben wollen, brauchen wir Platz im Rucksack. Wir können den nächsten Abschnitt unseres Weges nicht mit Kraft und Leichtigkeit gehen, solange wir an den tonnenschweren Altlasten der Vergangenheit festhalten. 

Genau dieses Bild begegnet mir auch in meinen Coachings immer wieder: Menschen wollen neue Wege gehen und wundern sich, warum ihnen nach wenigen Metern die Puste ausgeht. Die Ursache liegt selten im Weg vor ihnen. Sie liegt meist in dem, was sie noch auf ihren Rücksen tragen. 

Ich bin dabei, meinen Rucksack zu leeren. Und meine Schritte fühlen sich heute anders an: kraftvoller, achtsamer, freier. 

Der Rucksack ist leichter geworden. Nicht weil der Weg vor mir einfacher ist. Sondern weil ich bewusster entscheide, was ich mitnehmen möchte.

Und was liegt eigentlich in deinem Rucksack? Was darfst du heute am Wegesrand stehen lassen?



© 2026 Jens Finsterer

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